
Nürnberg (Reuters) - Der Winter fällt auf dem Arbeitsmarkt zum Jahresbeginn milde aus.
Die Bundesagentur für Arbeit (BA) verzeichnete mit 3,082 Millionen Erwerbslosen die geringste Januar-Arbeitslosigkeit seit 21 Jahren. Der Anstieg um 302.000 Arbeitslose im Vergleich zum Dezember fiel geringer aus als für die Jahreszeit üblich. BA-Vorstandschef Frank-Jürgen Weise führte dies am Dienstag in Nürnberg zum Teil auf den Zähltag zurück, der vorm Winterbruch lag. Zudem reagiert der Arbeitsmarkt auf die Abschwächung der Konjunktur nur mit Verzögerung. In der Euro-Zone steht Deutschland weitaus besser da als die meisten anderen 16 Euro-Staaten. Im gesamten Euro-Raum liegt die Arbeitslosenquote auf dem höchsten Stand seit Einführung der Gemeinschaftswährung.
VON DER LEYEN: KEINE ZEICHEN VON KONJUNKTURABSCHWÄCHUNG
Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen sagte, zu Beginn des Jahres wirkten sich das Ende des Weihnachtsgeschäfts und witterungsbedingte Entlassungen aus: "Auf dem Arbeitsmarkt ist von einer Abschwächung nichts zu erkennen." Wirtschaftsminister Philipp Rösler ergänzte: "Der Arbeitsmarkt legt keinen Winterschlaf ein." Der Aufbau der Beschäftigung trage dazu bei, die Binnenkonjunktur zu stabilisieren.
Vertreter der Oppositionsparteien verwiesen auf die hohe Langzeitarbeitslosigkeit, Leiharbeit und Beschäftigungsprobleme für Ältere. "Langzeitarbeitslose profitieren kaum von der guten Lage", erklärte die SPD-Politikerin Anette Kramme. Die Grünen-Politikerin Brigitte Pothmer warf von der Leyen vor, die Kürzung der Finanzmittel der BA für die Arbeitmarktpolitik zeige Spuren: "Die Gründungsförderung für Arbeitslose ist um fast 60 Prozent zurückgegangen, die berufliche Weiterbildung um 55 Prozent."
Für die Linksfraktion erklärte Sabine Zimmermann, der Rückgang der Arbeitslosigkeit im Vergleich zum Vorjahr "beruht im Wesentlichen auf dem Boom der Billigjobs". Der Deutsche Gewerkschaftsbund kritisierte, der Rückgang der Arbeitslosen gehe an Älteren und Langzeitarbeitslosen vorbei. Die Bundesvereinigung der Arbeitgeber nannte es bedenklich, dass mehr als 40 Prozent aller Arbeitslosen keine Berufsausbildung abgeschlossen hätten. Es müsse alles getan werden, um ihre gezielte Förderung für eine schnelle Integration in den Arbeitsmarkt voranzubringen.
VORKRISENNIVEAU IN DEUTSCHLAND LÄNGST UNTERSCHRITTEN
Unter Herausrechnung der jahreszeitlichen Schwankungen ging die Arbeitslosenzahl im Vergleich zum Dezember um 34.000 zurück, die saisonbereinigte Quote fiel auf 6,7 Prozent - den niedrigsten seit der Wiedervereinigung ausgewiesenen Wert. "Diese Zahlen spiegeln wider, dass die Binnenkonjunktur recht stabil ist", sagte Uwe Angenendt von der BHF Bank. Die Banken-Volkswirte erwarten aber, dass sich der Arbeitsmarkt als Folge der Konjunkturabschwächung bald eintrübt. "Leichte Rückgänge bei den saisonbereinigten Zahlen wären in den nächsten Monaten schon ein Erfolg", sagte Andreas Scheuerle von der Dekabank.
"Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung wächst nunmehr seit zwei Jahren und hat den Arbeitsplatzabbau während der Krise 2009 weit hinter sich gelassen", sagte Weise. Nach BA-Berechnungen gab es im November 29 Millionen sozialabgabenpflichtig Beschäftigte. Der Zuwachs um 721.000 Beschäftigte innerhalb eines Jahres entfiel dabei stärker auf Teil- als auf Vollzeitstellen. Die Zahl der Erwerbstätigen stieg im Dezember nach Angaben des Statistischen Bundesamtes auf 41,47 Millionen. Das waren 572.000 mehr als vor einem Jahr.
"Der aktuelle Anstieg der Arbeitslosigkeit hat rein jahreszeitliche Gründe", sagte Weise. Angesichts des Winterwetters mit der Beeinträchtigung der Bauberufe werde die Arbeitslosigkeit im Februar "möglicherweise einen Tick höher sein als erwartet". Im Januar fiel die Zunahme dagegen geringer aus als in den Vorjahren. Im Vergleich zum Dezember registrierte die BA 302.000 Arbeitslose mehr, im Vergleich zum Januar 2011 aber 264.000 weniger. Die Arbeitslosenquote legte im Monatsvergleich unbereinigt um 0,7 Punkte auf 7,3 Prozent zu.
Die BA räumte ein, dass die Zahl der Langzeitarbeitslosen deutlich höher war als in der Statistik bisher ausgewiesen. Auch auf der neuen Datengrundlage habe die Zahl seit 2007 aber stark abgenommen. Nach den neuen, zum Teil auf Schätzungen beruhenden Zahlen gab es im Januar 1,048 Millionen Langzeitarbeitslose und damit fast 900.000 weniger als vor fünf Jahren. Die Aussagekraft ist aber eingeschränkt: Wenn Arbeitslose eine Weiterbildung oder einen Ein-Euro-Job aufnehmen und danach wieder arbeitslos sind, gelten sie anfangs nicht mehr als langzeitarbeitslos.